das logo
  auslandsreporter.de, das online-magazin für auslandsberichterstattung


 
 

Monotonie, die nie langweilig wird

Wer Stille und Weite schätzt, für den hält Namibia abseits der Zivilisation beeindruckende Naturlandschaften bereit.

Text und Fotos
Ulrich Stefan Knoll

das_nichts

Ich stehe mitten im Nichts. Das Nichts um mich herum trägt den Namen Boshua-Pass, liegt im zentralen Namibia und reduziert mich zu einem winzigen Punkt in der Landschaft. Die Sonne steht im Zenit. Trotz Winterszeit brennt sie mit ungeahnter Kraft auf mich nieder. Der Himmel strahlend blau ohne eine einzige Wolke. Unendliche Weite, unendliche Stille.
Dies ist die höchste Stelle des Passes, auf halber Strecke zwischen der Hauptstadt Windhoek und dem Atlantikstädchen Swakopmund gelegen.

Ich bin so versunken in den Anblick der Berge, dass ich völlig vergessen habe, was mich hier her gebracht hat: Ein paar Tage Erholung am Meer wollte ich mir gönnen und Swakopmund sehen.
Diesen Ort, an dem Menschen leben, obwohl die umgebende Natur menschenfeindlich ist. Von drei Seiten eingeschlossen durch die hitzewabernden Dünen der Namib, liegt die Stadt direkt am Atlantik, der sich hier bisweilen äußerst rauh gebärdet. Genau so gut hätte ich die bequemere Verbindung über die gut ausgebaute Hauptstraße wählen können. Da ich aber keine Eile hatte und auf den Weg ebenso gespannt war wie auf das Ziel, fiel die Wahl schnell auf eine Nebenstrecke, von der ich mir mehr Eindrücke versprach.

-- -- --

 

Hinter mir liegen 160 Kilometer Staub und Hitze. Stundenlanges permanentes Durchgerüttelt-Werden, die Technik des bereits volljährigen VW Golf immer an der Grenze der Belastbarkeit. Ich muss der Schotterpiste volle Konzentration schenken, die immer wieder mit faustgroßen Steinen übersät ist. Schlaglöcher, Steigungen und Windungen.
Bereits nach einer Stunde weiß ich, dass meine Wahl richtig war: Unablässig tauchen neue Ausblicke und Ansichten auf. Das zerklüftete Bergland ändert seine Gestalt mit jeder Kurve und jedem Hügel. Und doch liegt es so unverändert da, dass unbewusst das Gefühl entsteht, kurz nach dem Schöpfungsakt eingetroffen zu sein. Ich möchte am liebsten auf jedem Meter stehen bleiben, innehalten, die Verwandlung der immer gleichen Materie bestaunen.
Als ich zwischenzeitlich nachrechne, stelle ich fest, dass ich pro Stunde gerade mal 40 Kilometer zurückgelegt habe.
Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass Entfernungen in Namibia andere Dimensionen haben. Auf deutschen Autobahnen hätten ich diese Strecke notfalls in einer einzigen Stunde geschafft, inklusive 24h-Raststätte und Pannendienst. Nichts davon existiert hier. Drei Autos sind mir begegnet, zwei Siedlungen habe ich gesehen. Eine Farm war da, in der Ferne, zwei Rinderherden. Die Welt scheint grenzenlos, das Auge schweift über ausgedehnte Landschaften, sucht ein Anzeichen von Zivilisation, findet nichts und verliert sich.

-- -- --

 

Der Ausblick über die Ausläufer des zentralen Hochlandes und hinunter in die Ebene Richtung Küste ist berauschend und entschädigt für die Strapazen der Strecke. Nie enden wollende Bergketten reihen sich scheinbar ewig aneinander, die alles beherrschende Strauch-Steppe liegt fahl und ausgedörrt in der gleißenden Sonne. Einzelne Bäume und Sträucher setzen farblose Akzente. Kurz vor der Regenzeit liegt das Hochland erschöpft da. Monotonie, die nie langweilig wird.
Wie in Stein gemeißelt stehe ich da, und ein grosses Verlangen überkommt mich, einfach an diesem Ort zu verweilen. Bliebe ich noch, würde ich vermutlich bald in einen meditativen Zustand verfallen. Die Vorstellung jedoch, mitten im Nichts die Nacht im Wagen zu verbringen schreckt mich ab.
Was tust Du, wenn Du des Nächtens austreten musst, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet? Immerhin beherbergt Namibia die größte Gepardenpopulation der Erde, und so gerne ich eine dieser äußerst eleganten Großkatzen sehen würde, verzichte ich dankend.
Meine Rast bleibt also ein kurzes Glück, denn die Sonne hat ihren höchsten Punkt längst überschritten und ich noch weitere 150 Kilometer vor mir.

-- -- --

 

"Fahre nie nach Einbruch der Dämmerung!". Die Stimme meines Vermieters und der einschlägigen Reiseführer in den Ohren, zwingen mich zurück in mein Gefährt. Vor allem der rege Wildwechsel nach Sonnenuntergang gilt als häufige Ursache schwerer Unfälle. Ich haben den Rat beherzigt und wollte mit der aufgehenden Sonne starten, um die Etappe bis an den Atlantik stressfrei zu absolvieren.
Leider stellt sich bei der erneuten Kontrolle des Wagens kurz vor der Abfahrt in Windhoek heraus, dass Benzin ausläuft. Meine guten Vorsätze sind zunichte, der erste Weg führt in die Werkstatt. Die Benzinpumpe ist defekt, ein Ersatzteil muss beschafft werden.

Drei Stunden später geht es endlich los, die Sonne steht schon hoch und es ist klar, dass die Zeit knapp wird. Doch Sicherheit hat Vorrang. Wer in Namibia abseits der Hauptstraßen liegen bleibt, das weiß ich, kann bisweilen tagelang auf Hilfe warten.
Die Verkehrsdichte ist auf vielen Nebenstrecken verschwindend gering, das Mobilfunknetz funktioniert in weiten Teilen des Landes nicht. Schlafsack, kanisterweise Wasser und ausreichend Proviant werden schnell zu meinen dauerhaften Begleitern.

-- -- --

 

Noch auf dem Pass, inmitten des Nichts, taucht unvermittelt ein Straßenschild auf. Kurven auf den nächsten 60 Kilometern, wird mir signalisiert. Ein Witz? Die Strecke unterscheidet sich in nichts von der voran gegangenen und doch steht hier dieses Schild. Ich haben bisher alle Tücken der Piste auch so gemeistert, sage ich mir trotzig und kämpfe mich weiter.

-- -- --

 

Irgendwann führt mich die pad (Afrikaans: Weg, Schotterpiste) hinunter in die Ebene, welche fließend in die Wüste übergeht. Die Leere nimmt zu, das Gefühl der Freiheit auch.
Mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erreiche ich schließlich Swakopmund. Nach nur einem einzigen Tag außerhalb jeglicher Zivilisation erscheint mir die Kleinstadt wie eine der glanzvollen Metropolen dieser Welt. Der Reiseführer behauptet, die Stadt habe 20000 Einwohner, die Größe einer veträumten Kleinstadt auf dem Lande in Deutschland.
Doch für mich ist sie weit mehr: Die Leere unterwegs und die majestätische Kargheit der umgebenden Wüstendünen lassen die Ansiedlung von so vielen Menschen an einem einzigen Fleck unwirklich erscheinen. Auf den Straßen ist kaum etwas los, das Leben hat sich bereits mit der hereinbrechenden Dämmerung in den Schutz der Häuser zurück gezogen. Dennoch genügt der Anblick so vieler Lichter und Gebäude, schlichter Zeichen menschlicher Anwesenheit, um in mir ein Gefühl der Geborgenheit zu wecken. Einen Ort finden, menschliche Existenz finden, bedeutet hier immer wieder unmittelbar, angekommen zu sein. Auch wenn ich schon jetzt den Schönheiten der Landschaft nach trauere, bin ich doch erleichtert, der unwirtlichen Natur entronnen zu sein, einen sicheren Platz für die Nacht gefunden zu haben.
Ich bin wieder in der gewohnten Welt, doch ihre Bedeutung ist eine andere geworden.

 

zurück zur Rubrik Afrika »   Artikel drucken »
       
 
 
 
 
 
der boshua pass
 
kurven über kurven!
 
schotterpiste
 
die letzten ausläufer...
 
in der namib