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Ich bin so versunken in den Anblick der
Berge, dass ich völlig vergessen habe, was mich hier her
gebracht hat: Ein paar Tage Erholung am Meer wollte ich mir
gönnen und Swakopmund sehen.
Diesen Ort, an dem Menschen leben, obwohl die umgebende Natur
menschenfeindlich ist. Von drei Seiten eingeschlossen durch die
hitzewabernden Dünen der Namib, liegt die Stadt direkt am
Atlantik, der sich hier bisweilen äußerst rauh
gebärdet. Genau so gut hätte ich die bequemere
Verbindung über die gut ausgebaute Hauptstraße
wählen können. Da ich aber keine Eile hatte und auf den
Weg ebenso gespannt war wie auf das Ziel, fiel die Wahl schnell
auf eine Nebenstrecke, von der ich mir mehr Eindrücke
versprach.
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Hinter mir liegen 160 Kilometer Staub und
Hitze. Stundenlanges permanentes Durchgerüttelt-Werden, die
Technik des bereits volljährigen VW Golf immer an der Grenze
der Belastbarkeit. Ich muss der Schotterpiste volle Konzentration
schenken, die immer wieder mit faustgroßen Steinen
übersät ist. Schlaglöcher, Steigungen und
Windungen.
Bereits nach einer Stunde weiß ich, dass meine Wahl
richtig war: Unablässig tauchen neue Ausblicke und Ansichten
auf. Das zerklüftete Bergland ändert seine Gestalt mit
jeder Kurve und jedem Hügel. Und doch liegt es so
unverändert da, dass unbewusst das Gefühl entsteht,
kurz nach dem Schöpfungsakt eingetroffen zu sein. Ich
möchte am liebsten auf jedem Meter stehen bleiben,
innehalten, die Verwandlung der immer gleichen Materie bestaunen.
Als ich zwischenzeitlich nachrechne, stelle ich fest, dass ich
pro Stunde gerade mal 40 Kilometer zurückgelegt habe.
Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass Entfernungen in Namibia
andere Dimensionen haben. Auf deutschen Autobahnen hätten
ich diese Strecke notfalls in einer einzigen Stunde geschafft,
inklusive 24h-Raststätte und Pannendienst. Nichts davon
existiert hier. Drei Autos sind mir begegnet, zwei Siedlungen
habe ich gesehen. Eine Farm war da, in der Ferne, zwei
Rinderherden. Die Welt scheint grenzenlos, das Auge schweift
über ausgedehnte Landschaften, sucht ein Anzeichen von
Zivilisation, findet nichts und verliert sich.
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Der Ausblick über die Ausläufer
des zentralen Hochlandes und hinunter in die Ebene Richtung
Küste ist berauschend und entschädigt für die
Strapazen der Strecke. Nie enden wollende Bergketten reihen sich
scheinbar ewig aneinander, die alles beherrschende Strauch-Steppe
liegt fahl und ausgedörrt in der gleißenden Sonne.
Einzelne Bäume und Sträucher setzen farblose Akzente.
Kurz vor der Regenzeit liegt das Hochland erschöpft da.
Monotonie, die nie langweilig wird.
Wie in Stein gemeißelt stehe ich da, und ein grosses
Verlangen überkommt mich, einfach an diesem Ort zu
verweilen. Bliebe ich noch, würde ich vermutlich bald in
einen meditativen Zustand verfallen. Die Vorstellung jedoch,
mitten im Nichts die Nacht im Wagen zu verbringen schreckt mich
ab.
Was tust Du, wenn Du des Nächtens austreten musst, nur mit
einer Taschenlampe bewaffnet? Immerhin beherbergt Namibia die
größte Gepardenpopulation der Erde, und so gerne ich
eine dieser äußerst eleganten Großkatzen sehen
würde, verzichte ich dankend.
Meine Rast bleibt also ein kurzes Glück, denn die Sonne hat
ihren höchsten Punkt längst überschritten und ich
noch weitere 150 Kilometer vor mir.
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"Fahre nie nach Einbruch der
Dämmerung!". Die Stimme meines Vermieters und der
einschlägigen Reiseführer in den Ohren, zwingen mich
zurück in mein Gefährt. Vor allem der rege Wildwechsel
nach Sonnenuntergang gilt als häufige Ursache schwerer
Unfälle. Ich haben den Rat beherzigt und wollte mit der
aufgehenden Sonne starten, um die Etappe bis an den Atlantik
stressfrei zu absolvieren.
Leider stellt sich bei der erneuten Kontrolle des Wagens kurz
vor der Abfahrt in Windhoek heraus, dass Benzin ausläuft.
Meine guten Vorsätze sind zunichte, der erste Weg führt
in die Werkstatt. Die Benzinpumpe ist defekt, ein Ersatzteil muss
beschafft werden.
Drei Stunden später geht es endlich
los, die Sonne steht schon hoch und es ist klar, dass die Zeit
knapp wird. Doch Sicherheit hat Vorrang. Wer in Namibia abseits
der Hauptstraßen liegen bleibt, das weiß ich, kann
bisweilen tagelang auf Hilfe warten.
Die Verkehrsdichte ist auf vielen Nebenstrecken verschwindend
gering, das Mobilfunknetz funktioniert in weiten Teilen des
Landes nicht. Schlafsack, kanisterweise Wasser und ausreichend
Proviant werden schnell zu meinen dauerhaften Begleitern.
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Noch auf dem Pass, inmitten des Nichts,
taucht unvermittelt ein Straßenschild auf. Kurven auf den
nächsten 60 Kilometern, wird mir signalisiert. Ein Witz? Die
Strecke unterscheidet sich in nichts von der voran gegangenen und
doch steht hier dieses Schild. Ich haben bisher alle Tücken
der Piste auch so gemeistert, sage ich mir trotzig und
kämpfe mich weiter.
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Irgendwann führt mich die pad
(Afrikaans: Weg, Schotterpiste) hinunter in die Ebene, welche
fließend in die Wüste übergeht. Die Leere nimmt
zu, das Gefühl der Freiheit auch.
Mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erreiche ich
schließlich Swakopmund. Nach nur einem einzigen Tag
außerhalb jeglicher Zivilisation erscheint mir die
Kleinstadt wie eine der glanzvollen Metropolen dieser Welt. Der
Reiseführer behauptet, die Stadt habe 20000 Einwohner, die
Größe einer veträumten Kleinstadt auf dem Lande
in Deutschland.
Doch für mich ist sie weit mehr: Die Leere unterwegs und
die majestätische Kargheit der umgebenden
Wüstendünen lassen die Ansiedlung von so vielen
Menschen an einem einzigen Fleck unwirklich erscheinen. Auf den
Straßen ist kaum etwas los, das Leben hat sich bereits mit
der hereinbrechenden Dämmerung in den Schutz der Häuser
zurück gezogen. Dennoch genügt der Anblick so vieler
Lichter und Gebäude, schlichter Zeichen menschlicher
Anwesenheit, um in mir ein Gefühl der Geborgenheit zu
wecken. Einen Ort finden, menschliche Existenz finden, bedeutet
hier immer wieder unmittelbar, angekommen zu sein. Auch wenn ich
schon jetzt den Schönheiten der Landschaft nach trauere, bin
ich doch erleichtert, der unwirtlichen Natur entronnen zu sein,
einen sicheren Platz für die Nacht gefunden zu haben.
Ich bin wieder in der gewohnten Welt, doch ihre Bedeutung ist
eine andere geworden.
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