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Eigentlich wollten wir nur schnell
vorbeischauen, ein bisschen Käse kaufen und sehen, was aus
dem Hof geworden ist. Drei Jahre zuvor ähnelte das
Gehöft eher einer Ruine als einem Bauernhof. Ich hatte ein
paar Nächte dort zugebracht, zwischen Staub und Spinnweben,
die das Alter des Hofes zu haben schienen. Alles wirkte trostlos,
wohin man auch blickte: Wohnhaus und Scheune waren herunter
gekommen, ein drittes Gebäude nur noch in Ansätzen
vorhanden.
Der Weiler mit seinen drei Wohnhäusern und fünf
Bewohnern war kurz vor dem Aussterben, ehe Jean-Christophe kam.
Seit einem Jahr ist das Leben zurückgekehrt. Das Vieh weidet
wieder, und mittlerweile finden sich oft
Übernachtungsgäste und Besucher hier ein.
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Gut, dass sich Monsieur Barthes diesen Ort
ausgesucht hat, um sich seinen Traum zu verwirklichen: so konnte
der Hof wieder auferstehen. Wo vor wenigen Jahren noch Verfall
und Vergessen drohten, erwarten den Besucher jetzt
Gästeunterkünfte, eine Ziegenherde, Schafe, Kühe
und eine eigene Käserei.
Schon damals bei meinem ersten Besuch hatte mich die fantastische
Lage des Weilers fasziniert. Als wir jetzt aus der Küche
hinaus ins Freie treten genieße ich diesen Ausblick, bei
dem ich jedes Mal zu träumen anfange. Auf der gegenüber
liegenden Seite des Tals kauert ein kleines Dorf mit vielleicht
20 Häusern; diesseits leben neben Jean-Christophe lediglich
zwei alte Ehepaare, die schon immer hier waren und diesen Ort
auch nicht mehr verlassen werden.
Dazwischen und drum herum nichts als Kastanienwälder, Berge
und Weideland. Die Gebäude auf beiden Seiten mit ihren
dunklen Natursteinmauern wirken wuchtig, wie kleine Trutzburgen.
In der Weite der Landschaft jedoch gehen sie nahezu unter.
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100 Höhenmeter über uns endet die
steile Talflanke, an die sich «La Borie» klammert. In
dieser Richtung steigen wir auf einem mir vertrauten Pfad hinauf
auf das Plateau. Hüfthohes, goldbraunes Gras streift an uns
entlang. Oben angekommen, eröffnet sich ein umfassender
Blick auf die Mittelgebirgslandschaft der Cevennen. Schroffe
Kuppen ragen steil auf, die Heide leuchtet im Sonnenuntergang.
Wir blicken auf ein anderes Hochplateau, das wie eine
versteinerte Welle anrollt und sich an einem Tal bricht. Kein
Lebewesen ist in Sicht, nur Natur um uns. Wird
übermächtig. Und schweigt im schwindenden Licht.
Der Anblick ist so überwältigend, dass wir uns mit
Gewalt davon losreißen müßen. Wir eilen
zurück, wollen nicht unhöflich zu spät kommen.
Wieder mal typisch deutsch, wie wir feststellen müssen, denn
außer uns ist zur vereinbarten Zeit noch niemand
eingetroffen. Frankreich hat es eben nicht so eilig.
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Die Hofführung beginnt, als die
letzten gebuchten Gäste eine halbe Stunde später
eingetrudelt sind. Als erstes holen wir die Ziegenherde von der
Weide, denn die Käseherstellung ist hier untrennbar mit den
Ziegen verbunden.
Der Bock ist erstaunlich groß und alleiniger Herrscher
über seine 30-köpfige Schar. Im Galopp geleiten wir die
Herde in den heimischen Hof. Jean-Christophe managt alles perfekt
- die Ziegen, die alte Melkmaschine, und natürlich die
Betreuung seiner Gäste. In den kommenden eineinhalb Stunden
erfahren wir alles über die Herstellung des berühmten
Rohmilchkäses. 15 Augenpaare verfolgen gebannt jeden Schritt
der Käseherstellung. Auch die Stadtkinder begreifen hier,
begleitet von Jean-Christophes Späßen, den
Herstellungsprozess von Lebensmitteln.
Aber was wäre eine Hofführung, zumal in Frankreich,
ohne dégustation!
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So finden wir uns auf der Dachterrasse
wieder. Der Wissensdurst ist gestillt, jetzt folgt das
französische Ritual: Entspannen, essen, kommunizieren. Ich
beginne zu verstehen, warum wir - Deutsche und Franzosen - trotz
vieler Ähnlichkeiten verschiedenen Kulturen
angehören.
Der Sonnenuntergang mischt sich mit den bunten Farben der
Aperitifs. Wir setzen uns zu einem jungen Pärchen und
beginnen zu plaudern. Mein Französisch wird von Minute zu
Minute flüssiger. Als uns Jean-Christophe zum Essen ruft,
ist die Sonne längst untergegangen.
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Drinnen ist alles angerichtet. Im
Herzstück des Hauses, der ehemaligen Scheune, wird
aufgetragen, bis sich die mächtige Tafel biegt.
Natursteinwände, rohe Balken aus Esskastanie und ein
großer Kamin dominieren den Raum und sorgen für eine
heimelige Atmosphäre. Zu dem Hammel in Maronen, den wir
schon in der Küche gerochen hatten, gesellt sich eine
Vorspeise aus mariniertem Ziegenkäse, frisch gebackenes
Brot, selbstgemachte Konfitüren und eine große
Käseplatte. Dazu gibt es selbstverständlich Wasser und
Wein, später Kaffee. Und eine lebhafte, ausgelassen
schnatternde Gesellschaft.
Es wird spät, doch das interessiert uns wenig. Schade, dass
dies unser letzter Abend in den Cevennen ist. Im nächsten
Urlaub kommen wir früher hier vorbei, schwöre ich
mir.
Das einzige, was diesen Abend noch krönen könnte,
wäre eine Übernachtung unter diesem Dach. Wir beneiden
ein wenig die Hausgäste, die sich nach und nach in ihre
Zimmer verabschieden. Beim nächsten Mal werden auch wir uns
hier einmieten. Und wenn es nur für eine einzige Nacht
ist.
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Zugegeben: ein wenig des
Französischen mächtig sollte man zumindest sein, wenn
man in dieser Gegend unterwegs ist. In puncto Sprache sind sie
eben etwas eigenbrötlerisch, die Franzosen!
Wer aber so einen Abend wie wir verlebt hat, an dem einem die
Bedeutung von Worten wie Warmherzigkeit, Offenheit und
Gastfreundschaft vorgelebt wurde, der wird sie lieben, diese
Franzosen.
Jean-Christophe ist da nur ein Beispiel. Als wir uns
verabschieden, versprüht er immer noch gute Laune - gerade
so, als ob die Welt nur ein Spaß sei...
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