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Nationalpark mit Familienanschluss

Leben wie Gott in Frankreich? In den Cevennen wird Gastfreundschaft noch ganz groß geschrieben.

Text:  Ulrich Stefan Knoll
Fotos: J.-C. Barthes /
       Ulrich Stefan Knoll

terrasse auf la borie

Ein Franzose, wie man ihn sich vorstellt: lässig gekleidet und mit einem sympatischen Grinsen tritt uns Jean-Christophe Barthes entgegen. Nur die Frisur irritiert. Schwarz, schulterlang und unten leicht nach innen gewellt, erinnert sie stark an Mireille Matthieu.
Wir stehen in der Küche von Jean-Christophes Hof «La Borie», am Südrand des Zentralmassivs inmitten des Nationalparks Cevennen. Der Duft von Hammel, Maronen und Kräutern der Provence steigt uns in die Nase. Jean-Christophe erwartet wie jeden Abend Gäste zur Hofführung und trifft gerade die letzten Vorbereitungen. Es herrscht Hektik und wir werden kurzerhand zum Spazieren gehen geschickt. Natürlich nicht, ohne vorherige Einladung zum Essen.

Eigentlich wollten wir nur schnell vorbeischauen, ein bisschen Käse kaufen und sehen, was aus dem Hof geworden ist. Drei Jahre zuvor ähnelte das Gehöft eher einer Ruine als einem Bauernhof. Ich hatte ein paar Nächte dort zugebracht, zwischen Staub und Spinnweben, die das Alter des Hofes zu haben schienen. Alles wirkte trostlos, wohin man auch blickte: Wohnhaus und Scheune waren herunter gekommen, ein drittes Gebäude nur noch in Ansätzen vorhanden.
Der Weiler mit seinen drei Wohnhäusern und fünf Bewohnern war kurz vor dem Aussterben, ehe Jean-Christophe kam. Seit einem Jahr ist das Leben zurückgekehrt. Das Vieh weidet wieder, und mittlerweile finden sich oft Übernachtungsgäste und Besucher hier ein.

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Gut, dass sich Monsieur Barthes diesen Ort ausgesucht hat, um sich seinen Traum zu verwirklichen: so konnte der Hof wieder auferstehen. Wo vor wenigen Jahren noch Verfall und Vergessen drohten, erwarten den Besucher jetzt Gästeunterkünfte, eine Ziegenherde, Schafe, Kühe und eine eigene Käserei.
Schon damals bei meinem ersten Besuch hatte mich die fantastische Lage des Weilers fasziniert. Als wir jetzt aus der Küche hinaus ins Freie treten genieße ich diesen Ausblick, bei dem ich jedes Mal zu träumen anfange. Auf der gegenüber liegenden Seite des Tals kauert ein kleines Dorf mit vielleicht 20 Häusern; diesseits leben neben Jean-Christophe lediglich zwei alte Ehepaare, die schon immer hier waren und diesen Ort auch nicht mehr verlassen werden.
Dazwischen und drum herum nichts als Kastanienwälder, Berge und Weideland. Die Gebäude auf beiden Seiten mit ihren dunklen Natursteinmauern wirken wuchtig, wie kleine Trutzburgen. In der Weite der Landschaft jedoch gehen sie nahezu unter.

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100 Höhenmeter über uns endet die steile Talflanke, an die sich «La Borie» klammert. In dieser Richtung steigen wir auf einem mir vertrauten Pfad hinauf auf das Plateau. Hüfthohes, goldbraunes Gras streift an uns entlang. Oben angekommen, eröffnet sich ein umfassender Blick auf die Mittelgebirgslandschaft der Cevennen. Schroffe Kuppen ragen steil auf, die Heide leuchtet im Sonnenuntergang. Wir blicken auf ein anderes Hochplateau, das wie eine versteinerte Welle anrollt und sich an einem Tal bricht. Kein Lebewesen ist in Sicht, nur Natur um uns. Wird übermächtig. Und schweigt im schwindenden Licht.
Der Anblick ist so überwältigend, dass wir uns mit Gewalt davon losreißen müßen. Wir eilen zurück, wollen nicht unhöflich zu spät kommen. Wieder mal typisch deutsch, wie wir feststellen müssen, denn außer uns ist zur vereinbarten Zeit noch niemand eingetroffen. Frankreich hat es eben nicht so eilig.

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Die Hofführung beginnt, als die letzten gebuchten Gäste eine halbe Stunde später eingetrudelt sind. Als erstes holen wir die Ziegenherde von der Weide, denn die Käseherstellung ist hier untrennbar mit den Ziegen verbunden.
Der Bock ist erstaunlich groß und alleiniger Herrscher über seine 30-köpfige Schar. Im Galopp geleiten wir die Herde in den heimischen Hof. Jean-Christophe managt alles perfekt - die Ziegen, die alte Melkmaschine, und natürlich die Betreuung seiner Gäste. In den kommenden eineinhalb Stunden erfahren wir alles über die Herstellung des berühmten Rohmilchkäses. 15 Augenpaare verfolgen gebannt jeden Schritt der Käseherstellung. Auch die Stadtkinder begreifen hier, begleitet von Jean-Christophes Späßen, den Herstellungsprozess von Lebensmitteln.
Aber was wäre eine Hofführung, zumal in Frankreich, ohne dégustation!

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So finden wir uns auf der Dachterrasse wieder. Der Wissensdurst ist gestillt, jetzt folgt das französische Ritual: Entspannen, essen, kommunizieren. Ich beginne zu verstehen, warum wir - Deutsche und Franzosen - trotz vieler Ähnlichkeiten verschiedenen Kulturen angehören.
Der Sonnenuntergang mischt sich mit den bunten Farben der Aperitifs. Wir setzen uns zu einem jungen Pärchen und beginnen zu plaudern. Mein Französisch wird von Minute zu Minute flüssiger. Als uns Jean-Christophe zum Essen ruft, ist die Sonne längst untergegangen.

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Drinnen ist alles angerichtet. Im Herzstück des Hauses, der ehemaligen Scheune, wird aufgetragen, bis sich die mächtige Tafel biegt. Natursteinwände, rohe Balken aus Esskastanie und ein großer Kamin dominieren den Raum und sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Zu dem Hammel in Maronen, den wir schon in der Küche gerochen hatten, gesellt sich eine Vorspeise aus mariniertem Ziegenkäse, frisch gebackenes Brot, selbstgemachte Konfitüren und eine große Käseplatte. Dazu gibt es selbstverständlich Wasser und Wein, später Kaffee. Und eine lebhafte, ausgelassen schnatternde Gesellschaft.
Es wird spät, doch das interessiert uns wenig. Schade, dass dies unser letzter Abend in den Cevennen ist. Im nächsten Urlaub kommen wir früher hier vorbei, schwöre ich mir.
Das einzige, was diesen Abend noch krönen könnte, wäre eine Übernachtung unter diesem Dach. Wir beneiden ein wenig die Hausgäste, die sich nach und nach in ihre Zimmer verabschieden. Beim nächsten Mal werden auch wir uns hier einmieten. Und wenn es nur für eine einzige Nacht ist.

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Zugegeben: ein wenig des Französischen mächtig sollte man zumindest sein, wenn man in dieser Gegend unterwegs ist. In puncto Sprache sind sie eben etwas eigenbrötlerisch, die Franzosen!
Wer aber so einen Abend wie wir verlebt hat, an dem einem die Bedeutung von Worten wie Warmherzigkeit, Offenheit und Gastfreundschaft vorgelebt wurde, der wird sie lieben, diese Franzosen.
Jean-Christophe ist da nur ein Beispiel. Als wir uns verabschieden, versprüht er immer noch gute Laune - gerade so, als ob die Welt nur ein Spaß sei...

 

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