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Die Stühle von Molyvos

Die Schönheit der griechischen Stadt Molyvos ist atemberaubend - so wie die Menge ihrer Stühle.

Text und Fotos
Terje Raa

molyvos

Die Stadt Molyvos verschlägt demjenigen, der sie zum ersten Mal sieht, den Atem. Die pittoreske Lage ist unvergleichlich, an der Nordküste der griechischen Insel Lesbos, wo Molyvos sich gegen den Himmel erhebt, mit einer intakten mittelalterlichen Burg ganz oben.

Die Schönheit ist kompakt. In Naturstein gebaute zwei- und dreistöckige Häuser, einige mit einem Obergeschoss aus Holz, klammern sich an den Berghang und aneinander. Die meistens weinrot gestrichenen Fensterrahmen und -läden passen zu den hellen, spitzen Ziegeldächern. Alle Häuser werden ständig gepflegt, denn die ganze Stadt steht unter Weltkulturerbe. Methymna, der Stadtname aus alten Zeiten, wird auch heute sporadisch benutzt.

Man behauptet, dass Molyvos ein beliebter Treffpunkt für Künstler ist, aber in den Strassen sehe ich keine Kunstmaler, die malerische Motive verewigen, und in den Cafés keine zerstreuten Dichter. Ich sehe nur Touristen, und besonders am Hafen merke ich, dass Molyvos sich zum führenden Touristenziel der Insel entwickelt hat. In der Tat war ich schon einmal hier, ein paar Stunden vor vielen Jahren, und erinnere mich noch an die stille Harmonie des kleinen Fischerhafens.

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Von Stühlen besetzt

Der Hafen ist heutzutage ein Inferno aus Stühlen und Tischen. Wer sich abends umsehen möchte, muss Spießruten laufen zwischen zudringlichen Menütafeln und dem Gestühl der Cafés und Tavernen. Riesige Baldachine decken hier und da den Kai in der ganzen Breite, als ob er ein grosses Wohnzimmer wäre. Meine eigene Zählung ergibt, dass elf Cafés und Tavernen im Hafen operieren.

Am ersten Abend esse ich im "Kozmaz", weil ich dort griechische Stimmen höre. Während ich auf den Schwertfisch warte, lasse ich mich von der erleuchteten Burg, Kastro genannt, verzaubern, wo die Löcher in der Mauer für Kanonenrohre bestimmt sein müssen. Könnte ich bloß den Hafen auf die einstige Ungestörtheit zurückbomben! Viel wäre gewonnen, wenn die ganz am Meer stehenden Stühle und Tische weg wären; man könnte sich wieder frei bewegen.

Ich will am nächsten Morgen zur "Kastro" hinauf, um zu untersuchen, ob die Burg zum Angriff auf hinderliche Möbel verwendbar ist. Mein Ausgangspunkt ist das bei der Busendstation gelegene Touristenbüro, wo die alternde Mitarbeiterin, die ich Kleopatra nenne, erst um 9 Uhr anfängt. Gestern fragte ich sie, wie viele Einwohner Molyvos hätte. Sie gestikulierte vor Unwissenheit und schaute zum Himmel mit ihren großen, von schwarzer Schminke umrahmten Augen.

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Aufdringliche Türken

Morgenfrische Müllmänner sorgen für freie Bahn, und das Schild "Agora Centre" garantiert, dass ich bald die Einkaufsstrassen passieren werde. Der Duft von frisch gebackenem Brot verlockt mich zu einem noch warmen Rosinenbrötchen. Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, ist eine schwarz gekleidete alte Frau gerade dabei, das Sortiment von Kriegsspielzeug außerhalb ihres Ladens aufzuhängen. Kanonen hat sie nicht, bietet mir aber ein Maschinengewehr an. Damit könnte ich bestimmt das Gestühl schnell niederknallen.

Die Burg ist schon geöffnet und die Flagge gehisst. Außer einem Kettenhund ist allerdings keine Menschenseele da, auch nicht am Kartenverkauf. Wenn ich den Arm ausstrecke, kann ich die Türkei fast berühren. Die Türken waren das letzte Mal 1912 in Molyvos, und sollten sie wieder angreifen, bin ich im Moment der einzige, der die Stadt verteidigen kann. Unten im Tal steht ein Heer von Ölbäumen, die ich verdächtige, getarnte türkische Soldaten zu sein.

Ich versöhne mich mit den Türken und mache einen Spaziergang am Rand des Abgrundes, auf der Mauer. Die spitzen Dächer weit unten, auf denen kein Ziegel schief liegt, drängen sich aufeinander, während das ruhige Meer den schmalen, schwarzen Strand mit trägen, leicht schäumenden Wellen streichelt. Um auf den Hafen blicken zu können, muss ich eine breite Bühne überqueren, vor der mehrere Reihen von Bänken auf ein großes Publikum warten.

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Eine andere Lebensform

Man sitzt unbequem auf den Bänken. Stühle mit Flechtsitz, wie in den Tavernen, wären viel besser. Ich beschließe daher, statt die Stühle auszurotten, sie in die Burg zu entführen und reihenweise aufzustellen, mit genau der gleichen Anzahl in jeder Reihe. Danach werde ich Kleopatra vorschlagen, dass wir gemeinsam die ganze Stadt zu einem Musikabend in die Burg locken. Sobald die Stuhlreihen besetzt sind - dann zählen wir sie ganz einfach. Und nach einer Multiplikation erhalten wir die Einwohnerzahl, so einfach!

Abschließend werfe ich einen Blick auf den Hafen, der so friedlich und anziehend da liegt, dass ich meine Stuhlpläne ganz aufgebe. Tatsächlich sind eine Menge Stühle tagsüber weggeräumt, damit die Fischer Zugang zu ihren Booten haben. Die Lebensform der Fischer, in unseren Augen vollkommen einfach und idyllisch, ist vielleicht daran schuld, dass wir alle unbedingt dicht am Meer essen wollen, von Fischerbooten, leeren Fischkästen und Netzen umgeben.
Wir möchten an diese Lebensform so nahe wie möglich herankommen - sie beriechen und abschmecken und eine Weile so tun, als wäre sie unsere eigene.

 

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