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Morgens ist Chora ständig müde. Ich will ihren Schönheitsschlaf nicht stören und hebe deshalb die Sonne hinter ihrem Rücken ganz vorsichtig hoch, so dass die Strahlen erst mittags Chora direkt in die Augen scheinen. In der Nachmittagshitze döst sie, flirtet aber doch schon gern. Jedesmal, wenn ich meinen Marmor in der Sonne blinken lasse, erwidert Chora dies mit einem liebevollen Silberschimmer auf dem Meeresspiegel. Ihr zuliebe färbe ich abends die Sonne und den Himmel rot.
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Die Sonnenanbeter
Sonnenstrahlen heilen Körper und Geist - in kleinen Mengen genossen. Sobald die Sonne zur Plage wird, treffen die Einwohner von Chora ihre Gegenmaßnahmen. Sie setzen Sonnenbrillen und Hüte auf, entrollen Markisen und schlagen Sonnenschirme auf. Die Hitze zwingt sie, in den Sommermonaten das Tempo zu verlangsamen. Aber gerade dann, wenn sie beabsichtigen, sich zu entspannen, wird die Stadt von Touristen überschwemmt, die ein ganz anderes Verhältnis zur Sonne haben.
Warum die Touristen unbedingt sonnengebräunt sein wollen, ist mir ein Rätsel. In den wärmsten Stunden, wenn die Strahlen gnadenlos sind, fahren sie dummerweise an den Strand. Als Warnung lasse ich die Sonne ihre blasse Haut rosa färben und bringe sie stark zum Schwitzen, bis ihre Körper vertrocknet sind und die Hirne träge. Hilft das nicht, kann ich nur beklagen, während sie immer röter und verbrannter werden, dass sogar ich, der große Apollon, oft vergebens mit der Dummheit kämpfe.
Weil der Sonnenuntergang sehr beliebt ist, bin ich jeden Abend von Touristen umringt. Einige wohnen dem Sonnenuntergang mit einem stillen Bier bei, andere mit langen Küssen, die meisten mit einer Kamera bewaffnet. Die Fotografierenden stürzen herum, schimpfen diejenigen aus, die ihrem Motiv in den Weg kommen, nehmen groteske Körperstellungen ein, um den perfekten Winkel zu finden, und glauben, dass ein einzelner Blitz mich ausleuchten kann.
Viele betrachten den Sonnenuntergang als reine Unterhaltung, ein festliches Schauspiel vor dem Essen, und applaudieren, wenn die Vorstellung vorbei ist. Sie denken nicht daran, dass ich in meinen Händen das Leben selbst halte. Sollte ich eines Tages vergessen, die Sonne in den Himmel zu setzen oder wieder herunter zu holen, wird alles Leben vorbei sein. Zwischendurch kann ich der Versuchung nicht widerstehen, den Touristen einen Schrecken einzujagen. Ich lasse eine der grossen Fähren direkt in die niedrig stehende Sonne hineinfahren, gerade so, als ob die beiden zusammen untergehen würden.
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Feststunde
Nicht nur das Licht, sondern auch die Dichtkunst ist meine Domäne, und zum Glück gibt es Touristen mit poetischen Gemütern. Gestern abend saß eine Gruppe Frauen mittleren Alters zu meinen Füssen. Der Sonnenuntergang war für sie ganz deutlich eine Feststunde. Eine der Frauen las, bis das Licht schwand, aus einem alten Buch vor. Die anderen beugten sich zu ihr hinüber, um jedes Wort zu erhaschen - ernsthaft, hin und wieder nachdenklich lächelnd. Es lag Poesie in der Luft.
Heute abend bleibt ein junger Mann, hübsch wie ein jugendlicher Apollon, lange bei mir sitzen, ganz einsam und allein. Ich begreife sofort seine Qual, weil ich selbst eine romantische Seele bin: Er hat Liebeskummer. Eben dafür habe ich Gedichte geschrieben und sage eines für ihn her, er aber ist untröstlich. In diesem Fall hilft nur Musik, erkenne ich, und streiche meine goldene Leier, um ihn mit meinen sanften Melodien zu ermuntern, und bald geht er mit leichten Schritten in Richtung Chora zurück, zu neuen Abenteuern bereit.
Es ist höchste Zeit, meinen strahlenden Glanz anzumachen. Ich habe mir nämlich Scheinwerfer angeschafft, damit Chora sich den ganzen Abend von meiner Gegenwart überzeugen kann und die Touristen mich bewundern können, während sie darauf warten, in Tavernen und Bars bedient zu werden. Und der Glanz gibt den Einwohnern von Chora Seelenruhe, denn er erinnert sie daran, dass ich sie nie im Stich lasse, sondern Tag und Nacht bei ihnen bin - unvergänglich, weise und schön.
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