Die Kykladeninseln werden oft Königinnen genannt, aber offiziell gibt es nur eine Königin der Kykladen, und zwar Ermoupolis, Hauptstadt auf Syros und Verwaltungszentrum aller Kykladen.
Eine Königin soll in meinen Augen schön, extravagant und ein bisschen göttlich sein. Jetzt will ich Ermoupolis darauf prüfen, ob sie berechtigt den Königstitel trägt.
Sie ist wunderschön anzusehen und hat eine mit zwei Kirchen geschmückte Krone, der katolischen St. Georgios-Kathedrale und der orthodoxen Anastasis-Kirche - jede auf einer Anhöhe emporragend. Die äußere Gestalt der Königin entspricht der Form eines Amphitheaters und wird zum Meer hinunter immer breiter. Dort streckt sie die Beine ins Wasser, genauer gesagt die Neorion-Werft und eine lange Hafenmole. Weiss und beige sind ihre bevorzugten Farben.
|
-- -- --
Schloss neben Schloss
Das Schloss der Königin beansprucht die obere Langseite des marmorbelegten Miaouli-Platzes. Das im Stadtbild dominierende neoklassizistische Gebäude dient als Rathaus, erinnert mich aber immer an das Königsschloss in Oslo. Es lässt sich von den örtlichen Cafés, die von Sonnenschirmen und grünen Bäumen geschützt werden, ungestört bewundern. Ich überwinde die 39 Stufen zum Eingang, gehe in langen Säulengängen auf Entdeckung und finde in einer Ecke einen zugedeckten Pferdewagen, vermutlich die Kutsche der Königin.
Ein kleineres Schloss, die Bücherei der Königin, ist eines der Anwohner des Rathauses. Sechs bekannte Schriftsteller stehen davor als Marmorbüsten. Eine von ihnen wurde vergangenen Sonntagabend mit großem Aufwand abgedeckt. Gesang und Musik gehörten sich, und nach der Rede zitterten die Lautsprecher vor Opernarien, weshalb die Vöglein, die in den Palmen Pfeifkonzert hielten, noch lautstärker sangen. Die erschreckte Stammkolonie weißer Tauben suchte auf den Vorsprüngen der Rathausfassade Zuflucht.
Die Königin der Kykladen geht gern ins Theater und braucht sich nur wenige Meter von der Bücherei straßenaufwärts zu bewegen, wo es noch ein weiteres Wunder gibt, das Apollon-Theater, eine verkleinerte Kopie der Scala in Mailand. Es erstrahlt jetzt, nach jahrelanger Restaurierung, wieder in seiner ehemaligen Pracht. Wer das Gebäude betritt, fühlt sich selbst recht königlich.
-- -- --
Kirche auf Kirche
Beim Archäologischen Museum, im Erdgeschoss des Rathauses, weiß man über die Königin Bescheid. Zwar herrscht sie über eine 4000 bis 5000 Jahre alte Zivilisation, selbst aber wurde sie erst 1824 geboren, von geschäftigen Flüchtlingen aus Kleinasien und der Insel Chios gegründet. Die nach dem Handelsgott Hermes benannte Königin ist in ihrem Glauben fest und schmückt sich in der ganzen Stadt mit orthodoxen sowie auch katholischen Kirchen. Jeder Dritte der 18 000 Einwohner ist römisch-katholisch.
Am Samstagabend bemerkte ich vor der St. Nikolaos-Kirche festlich gekleidete Leute. Funkelnde Kronleuchter und Blumen im Mittelgang verrieten, dass sich etwas Besonderes anbahnte. Eine halbe Stunde später lüftete sich das Geheimnis, während ich zuäußerst auf der Promenade in der Taverne "Giannena" saß, gerade wo die Mole anfängt und die ganze Stadt samstagabends spazieren geht. Ich hörte Pferdetrab und sah ein Brautpaar in einer Kutsche, sicherlich von der Königin ausgeliehen, vorbeifahren.
-- -- --
Kostspieliges Geschäft
Keine Königin ohne eine große Familie, und ich selbst kenne einen ihrer nahen Verwandten, den Prinzen im kleinen Café. Er arbeitete jahrelang als Kellner in einem Musikcafé an der Hafenpromenade, immer mit stolzem, aufrechtem Gang und elegant gekleidet, fast wie ein Prinz. Als er vor drei Jahren sein eigenes Café im Nachbarhaus eröffnete, fand ich, dass er einen königlichen Titel verdiente.
Königinsein kostet, und so ist sie, genau wie der Prinz, immer emsig. Obst und Gemüse ihres Küchengartens erfüllen jeden Morgen die Marktstrasse, wo enthäutete Schafe und Lämmchen auf Haken hängen. Der Fischfang der vorhergehenden Nacht hat jedoch die Haut behalten. Die Schiffbautradition wird von der Königin in Ehren gehalten, obgleich es sich heute meistens um Reparaturarbeiten handelt.
Massentourismus ist der Königin fremd, aber sie empfängt mit größtem Vergnügen finanzkräftige Besucher, die ihre Ankerplätze mitten im Hafen bekommen, wo sie abends auf dem Achterdeck ihren Reichtum ausstellen, bevor sie ins Aegean-Casino gehen, um Blackjack und Roulette zu spielen. Diejenigen, die kein Boot haben, nur Geld und Spielleidenschaft, werden mit einem kostenlosen Hotelaufenthalt gelockt.
Ermoupolis ist ohne Zweifel die wahre Königin der Kykladen, und sie begnügt sich nicht damit, eine Galionsfigur mit seidenen Handschuhen zu sein. Jeden Tag zieht sie ihre Arbeitshandschuhe an und bringt nicht nur den Küchengarten, sondern auch Kultur und Wohlstand zum Blühen.
|